WHO und Digital Health
Standardisierung schlägt Improvisation. Die WHO-Klassifizierung etabliert ein bewährtes Ordnungssystem für digitale Gesundheitslösungen – von der Bedarfsanalyse über Funktionsdefinition bis zur Systemzuordnung. Das Ergebnis: vergleichbare Investitionen, interoperable Architekturen und transparente Portfolios.
Die WHO beschreibt digitale Gesundheit als systematische Nutzung von IKT, Informatik und Daten, um Entscheidungen von Personen,
Gesundheitspersonal und Gesundheitssystemen zu unterstützen – mit dem Ziel, Resilienz zu stärken sowie Gesundheit und Wohlbefinden zu verbessern. Architekturentscheidungen werden nachvollziehbar. Jedes neue System lässt sich eindeutig einer DISAH-Kategorie* zuordnen – das erzwingt frühe Klärung von Schnittstellen und Standards. Anforderungen werden in einer gemeinsamen Sprache formuliert. „Wir brauchen Digitalisierung" wird zu „Wir implementieren Digital Health Intervention X in System Y, um Health System Challenge Z zu lösen." Das Investitionsportfolio wird steuerbar. Sie sehen auf einen Blick:
Klassische Digitalisierungsprojekte starten bei der Technologie („Wir brauchen eine App"). Das Ergebnis: Projekte, die tatsächlich lösen, wofür sie gebaut wurden.
Die fünf DISAH-Kategorien strukturieren digitale Gesundheitslösungen nach ihrer Funktion im Gesamtsystem. Projektstart: „Wir wollen die Medikations-Adhärenz verbessern." Klassifizierungs-Check: Ergebnis: Das Projekt ist nicht „eine App", sondern ein Multi-System-Szenario mit klaren Schnittstellenanforderungen. Ausgangslage: Eine Geburtsklinik registriert hohe Drop-out-Raten bei U-Untersuchungen. Klassifizierungs-Logik: Architektur-Konsequenz: Das System braucht Schnittstellen zu mindestens drei DISAH-Kategorien. Ausgangslage: Ein Klinikverbund schreibt ein System zur klinischen Entscheidungsunterstützung aus. Klassifizierungs-Vorteil: Leistungsverzeichnis: Anforderungen werden als DHI formuliert („Clinical decision support", „Treatment protocol management") Vendor-Bewertung: Anbieter müssen nachweisen, wie ihre Lösung die geforderten DHI umsetzt und welche DISAH-Kategorien sie abdecken. Lösungen, die nur Kategorie A bedienen, aber Interoperabilität zu C und D nicht leisten können, fallen im Auswahlprozess durch. Ergebnis: Investitionssicherheit durch präzise Anforderungen und objektive Vergleichbarkeit. Ausgangslage: Ein Krankenhausträger betreibt 12 Kliniken mit heterogener IT-Landschaft. Klassifizierungs-Einsatz: Ergebnis: Transparenz statt Wildwuchs. ❌ Falsch: „Wir wollen die Digitalisierung im Entlassmanagement verbessern" ✅ Richtig: „30% der Patient:innen mit Herzinsuffizienz werden innerhalb von 30 Tagen rehospitalisiert, weil die Nachsorge nicht greift – Medikationsplan ist unklar, Hausärzt:innen haben keine Entlassungsdaten, Patient:innen verstehen Warnzeichen nicht" Werkzeug: Formulieren Sie Health System Challenges (HSC) als messbares Problem mit drei Komponenten: Die WHO-Klassifizierung definiert 82 standardisierte Digital Health Interventions. Nutzen Sie diese – nicht Ihre eigenen Begriffe. Beispiel Entlassmanagement: Warum das wichtig ist: Digital Health Interventionen sind vendor-neutral und technologie-agnostisch. Sie beschreiben die Funktion, nicht die Lösung. Das macht Ausschreibungen vergleichbar und verhindert vendor lock-in. Für jede Digital Health Intervention müssen Sie klären: In welchem System wird sie betrieben? Kritischer Punkt: Wenn Sie für eine Digital Health Intervention mehrere DISAH-Kategorien benötigen (z.B. A + C + D), dann ist Interoperabilität nicht nice-to-have, sondern projektkritisch. Das muss in Budget, Zeitplan und Risikomanagement abgebildet sein. Häufiger Fehler: Interoperabilität wird als „technisches Detail" behandelt und spät im Projekt adressiert. Richtig: Interoperabilität ist eine Architektur-Anforderung und muss in Phase 3 geklärt werden. Checkliste Interoperabilität: Red Flag: Wenn Ihr Projekt keine Kategorie C (Register & Verzeichnisse) benötigt, ist Ihre Architektur vermutlich fehlerhaft. Jedes ernstzunehmende Digital-Health-Projekt braucht saubere Master Data. Kein Digitalisierungsprojekt startet auf der grünen Wiese. Klären Sie: Governance-Regel: Jedes neue Projekt muss mit den System-Eignern der betroffenen DISAH-Kategorien abgestimmt werden – bevor die Ausschreibung läuft. Die WHO-Struktur ist die beste Dokumentationsmethode für Digital-Health-Projekte: Operate like it's proven: Die WHO-Klassifizierung ist kein akademisches Modell – sie ist ein operatives Werkzeug. Classification of digital interventions, services and applications in health: a shared language to describe the uses of digital technology for health.
2nd Edition, 24 October 2023, published by WHO Team Digital Health and Innovation (DHI).
Ich zeige Ihnen, wie Sie die Standards für Ihre Digital Health Strategie einsetzen – konkret, regulatorisch sicher und umsetzbar.
WHO-Klassifizierung digitaler Interventionen, Dienste & Anwendungen im Gesundheitswesen
Sie funktioniert wie ein Periodensystem für Digital Health: präzise Einordnung, verlässliche Vergleichbarkeit, strategische Steuerung.
Management Summary
Betriebsmodell: Standardisieren · Zuordnen · Steuern
Was das Dokument leistet
Für Geschäftsführung und IT-Leitung
Für Projektleitung und Fachbereiche
Für Geschäftsführung und Träger
Warum das „klassisch“ funktioniert
Die WHO-Klassifizierung startet beim Problem („Wir haben 30% No-Shows in der Nachsorge") und leitet daraus systematisch ab: DHI (Termin-Erinnerung) → DISAH (Client-Communication-System, Kategorie A) → Interoperabilität (Anbindung an Terminverwaltung, Kategorie B).
Die WHO Architektur in 5 Kategorien
Jede neue Anwendung, jeder Service lässt sich eindeutig zuordnen – das ist die Voraussetzung für interoperable Architekturen und langfristig tragfähige Investitionen.
Kategorie
Bezeichnung
Kernfunktion
Typische Systeme
Architektur-Hinweis
A
Point of Service
Direkte Versorgung am Behandlungsort: Datenzugriff, -erfassung und -aktualisierung in der unmittelbaren Patient:innen-Interaktion
• Elektronische Patientenakten
• Klinische Entscheidungsunterstützung
• Telemedizin-Plattformen
• Mobile Diagnostik-Apps
• Patient-Communication-Systems.Schnittstellenkritisch: PoS-Systeme benötigen Echtzeit-Zugriff auf Register (Kat. C) und Datenverwaltung (Kat. D). Ohne saubere HL7/FHIR-Integration entstehen Datensilos.
B
Provider Management
Backoffice und Steuerung: Betriebssysteme für Anbieter-Organisation, Personal, Finanzen, Logistik
• Krankenhaus-Informationssysteme (KIS)
• Abrechnungssysteme
• Personal- und Dienstplanung
• Materialwirtschaft
• Qualitätsmanagement-SystemeOft unterschätzt: Kategorie B ist die Grundlage für funktionierende PoS-Systeme. Ohne solide Provider-Management-Architektur können digitale Interventionen nicht skalieren.
C
Register & Verzeichnisse
Master Data Management: Referenzsysteme für Identitäten, Einrichtungen, Produkte, Terminologien
• Master Patient Index (MPI)
• Einrichtungsverzeichnisse
• Impfinformationssysteme
• Medikamenten-/Produkt-Kataloge
• Terminologie-Server (SNOMED, ICD)Die Unterschätzte: Ohne saubere Register sind alle anderen Kategorien gefährdet. Doppelte Patient:innen-IDs, inkonsistente Terminologie und fehlende Provider-Verzeichnisse produzieren Datenqualitätsprobleme in der gesamten Architektur.
D
Datenverwaltung
Analytics, Interoperabilität, Data Warehousing: Systeme für Datenanalyse, -austausch und Wissensmanagement
• Data Warehouses / Data Lakes
• BI- und Analytics-Plattformen
• Interoperabilitäts-Gateways
• FHIR-Server
• GIS-SystemeInteroperabilitäts-Hub: Kategorie D ist der Klebstoff zwischen allen anderen Kategorien. Hier wird entschieden, ob Ihre Architektur vendor lock-in produziert oder echte Datenhoheit ermöglicht.
E
Surveillance & Response
Public Health und Notfall: Überwachungs- und Reaktionssysteme für Bevölkerungsgesundheit und Krisen
• Syndromische Überwachung
• Meldesysteme (IfSG-konform)
• Outbreak-Management
• Notfallkoordinationssysteme
• Disease RegistriesCompliance-relevant: Kategorie E unterliegt häufig besonderen regulatorischen Anforderungen (Meldepflichten, Daten-Souveränität). Architektur muss Echtzeitfähigkeit und Ausfallsicherheit gewährleisten.
Architektur-Logik in der Praxis
Die DISAH-Klassifizierung macht das in der Planungsphase sichtbar – nicht erst bei der Inbetriebnahme.
Junge Mütter erscheinen nicht zu vereinbarten Nachsorgeterminen.
Health System Challenge identifizieren: Kommunikationslücke zwischen Einrichtung und jungen Müttern im Nachsorgeprogramm.
Digital Health Intervention ableiten: Client communication (Termin-Reminder), Health worker communication (Koordination mit Hebammen).
Diese Erkenntnis fließt in RFP, Vendor-Auswahl und Implementierungsplan ein – nicht als nachträgliche Ergänzung, sondern als initiale Anforderung.
DISAH-Zuordnung: Kategorie A (Point of Service) + Kategorie D (Data management für Analytics)
Interoperabilitäts-Anforderung: Anbindung an elektronische Patientenakten (Kat. A), Terminologie-Server (Kat. C), Clinical Data Repository (Kat. D)
Jede Einrichtung hat historisch eigene Systeme beschafft.
Alle bestehenden Systeme werden den fünf DISAH-Kategorien zugeordnet
Für jedes System wird dokumentiert, welche DHI es abdeckt und welche Health System Challenge es adressiert
Der Träger kann begründen, warum welche Investition Priorität hat – gegenüber Geschäftsführung, Aufsichtsrat und Kostenträgern.
Praxis Checkliste
Phase 1: Problem definieren (bevor Sie über Technologie nachdenken)
✅ Health System Challenge präzisieren – der häufigste Fehler ist Unschärfe
Phase 2: Digitale Intervention definieren (Funktion vor System)
✅ Digital Health Intervention eindeutig benennen – verwenden Sie WHO-Terminologie
Phase 3: Systemarchitektur klären (DISAH-Zuordnung)
✅ DISAH-Kategorien zuordnen – erzwingen Sie Architektur-Klarheit
Phase 4: Interoperabilität früh klären (nicht nachträglich anbauen)
✅ Interoperabilitäts-Anforderungen aus DISAH ableiten
Phase 5: Portfolio & Governance (keine Insel-Lösungen)
✅ Integration in bestehendes Portfolio dokumentieren
Phase 6: Dokumentation (für Transparenz und Skalierung)
✅ Projekt im WHO-Format dokumentieren
Zusammenfassung: Die 6 kritischen Fehler vermeiden
Fehler
Konsequenz
Richtig machen mit WHO-Klassifizierung
1. Unklare Problemdefinition
Projektziele bleiben schwammig, Erfolg nicht messbar
✅ Health System Challenge präzise formulieren: konkrete Versorgungslücke mit messbaren Konsequenzen
2. Technologie vor Funktion
Vendor-getriebene Lösung, die das eigentliche Problem verfehlt
✅ Digital Health Intervention definieren: Welche digitale Funktion löst das Problem?
3. Fehlende Architektur-Klarheit
Späte Erkenntnis, dass Schnittstellen zu 5 Systemen nötig sind
✅ DISAH-Zuordnung: Multi-System-Szenarien früh erkennen
4. Interoperabilität als nachträglicher Gedanke
Explodierende Kosten, verzögerte Inbetriebnahme
✅ Interoperabilität aus DISAH ableiten: Standards in Planungsphase klären
5. Ignorieren bestehender Systeme
Redundante Investitionen, Datensilos
✅ Portfolio-Check: Integration statt Neubau
6. Undokumentierte Projekte
Wissen geht verloren, Skalierung nicht möglich
✅ WHO-Format nutzen: Transparenz für alle Stakeholder
Nutzen Sie es konsequent, und Ihre Digital-Health-Projekte werden funktionieren.