WHO und Digital Health

Gemeinsame Sprache Interoperabilität Portfolio-Steuerung

WHO-Klassifizierung digitaler Interventionen, Dienste & Anwendungen im Gesundheitswesen

Standardisierung schlägt Improvisation. Die WHO-Klassifizierung etabliert ein bewährtes Ordnungssystem für digitale Gesundheitslösungen – von der Bedarfsanalyse über Funktionsdefinition bis zur Systemzuordnung. Das Ergebnis: vergleichbare Investitionen, interoperable Architekturen und transparente Portfolios.

Die WHO beschreibt digitale Gesundheit als systematische Nutzung von IKT, Informatik und Daten, um Entscheidungen von Personen, Gesundheitspersonal und Gesundheitssystemen zu unterstützen – mit dem Ziel, Resilienz zu stärken sowie Gesundheit und Wohlbefinden zu verbessern.

Executive Intent
Die Klassifizierung bietet ein standardisiertes Vokabular, um digitale Fähigkeiten konsistent zu beschreiben, Investitionen zu strukturieren und Lösungen entlang realer Bedarfe im Gesundheitssystem zu verorten.
Sie funktioniert wie ein Periodensystem für Digital Health: präzise Einordnung, verlässliche Vergleichbarkeit, strategische Steuerung.



Management Summary

Betriebsmodell: Standardisieren · Zuordnen · Steuern

Was das Dokument leistet

  • Für Geschäftsführung und IT-Leitung

    Architekturentscheidungen werden nachvollziehbar. Jedes neue System lässt sich eindeutig einer DISAH-Kategorie* zuordnen – das erzwingt frühe Klärung von Schnittstellen und Standards.
    * DISAH=Digital Interventions, Services and Applications in Health

  • Für Projektleitung und Fachbereiche

    Anforderungen werden in einer gemeinsamen Sprache formuliert. „Wir brauchen Digitalisierung" wird zu „Wir implementieren Digital Health Intervention X in System Y, um Health System Challenge Z zu lösen."

  • Für Geschäftsführung und Träger

    Das Investitionsportfolio wird steuerbar. Sie sehen auf einen Blick:

      • Welche Versorgungslücken sind digital adressiert?

      • Wo besteht Investitionsbedarf?

      • Wo gibt es Redundanzen?

Warum das „klassisch“ funktioniert

Klassische Digitalisierungsprojekte starten bei der Technologie („Wir brauchen eine App").

Die WHO-Klassifizierung startet beim Problem („Wir haben 30% No-Shows in der Nachsorge") und leitet daraus systematisch ab: DHI (Termin-Erinnerung) → DISAH (Client-Communication-System, Kategorie A) → Interoperabilität (Anbindung an Terminverwaltung, Kategorie B).

Das Ergebnis: Projekte, die tatsächlich lösen, wofür sie gebaut wurden.


Die WHO Architektur in 5 Kategorien

Die fünf DISAH-Kategorien strukturieren digitale Gesundheitslösungen nach ihrer Funktion im Gesamtsystem.
Jede neue Anwendung, jeder Service lässt sich eindeutig zuordnen – das ist die Voraussetzung für interoperable Architekturen und langfristig tragfähige Investitionen.

Kategorie Bezeichnung Kernfunktion Typische Systeme Architektur-Hinweis
A Point of Service Direkte Versorgung am Behandlungsort: Datenzugriff, -erfassung und -aktualisierung in der unmittelbaren Patient:innen-Interaktion • Elektronische Patientenakten
• Klinische Entscheidungsunterstützung
• Telemedizin-Plattformen
• Mobile Diagnostik-Apps
• Patient-Communication-Systems.
Schnittstellenkritisch: PoS-Systeme benötigen Echtzeit-Zugriff auf Register (Kat. C) und Datenverwaltung (Kat. D). Ohne saubere HL7/FHIR-Integration entstehen Datensilos.
B Provider Management Backoffice und Steuerung: Betriebssysteme für Anbieter-Organisation, Personal, Finanzen, Logistik • Krankenhaus-Informationssysteme (KIS)
• Abrechnungssysteme
• Personal- und Dienstplanung
• Materialwirtschaft
• Qualitätsmanagement-Systeme
Oft unterschätzt: Kategorie B ist die Grundlage für funktionierende PoS-Systeme. Ohne solide Provider-Management-Architektur können digitale Interventionen nicht skalieren.
C Register & Verzeichnisse Master Data Management: Referenzsysteme für Identitäten, Einrichtungen, Produkte, Terminologien • Master Patient Index (MPI)
• Einrichtungsverzeichnisse
• Impfinformationssysteme
• Medikamenten-/Produkt-Kataloge
• Terminologie-Server (SNOMED, ICD)
Die Unterschätzte: Ohne saubere Register sind alle anderen Kategorien gefährdet. Doppelte Patient:innen-IDs, inkonsistente Terminologie und fehlende Provider-Verzeichnisse produzieren Datenqualitätsprobleme in der gesamten Architektur.
D Datenverwaltung Analytics, Interoperabilität, Data Warehousing: Systeme für Datenanalyse, -austausch und Wissensmanagement • Data Warehouses / Data Lakes
• BI- und Analytics-Plattformen
• Interoperabilitäts-Gateways
• FHIR-Server
• GIS-Systeme
Interoperabilitäts-Hub: Kategorie D ist der Klebstoff zwischen allen anderen Kategorien. Hier wird entschieden, ob Ihre Architektur vendor lock-in produziert oder echte Datenhoheit ermöglicht.
E Surveillance & Response Public Health und Notfall: Überwachungs- und Reaktionssysteme für Bevölkerungsgesundheit und Krisen • Syndromische Überwachung
• Meldesysteme (IfSG-konform)
• Outbreak-Management
• Notfallkoordinationssysteme
• Disease Registries
Compliance-relevant: Kategorie E unterliegt häufig besonderen regulatorischen Anforderungen (Meldepflichten, Daten-Souveränität). Architektur muss Echtzeitfähigkeit und Ausfallsicherheit gewährleisten.

Architektur-Logik in der Praxis

Projektstart: „Wir wollen die Medikations-Adhärenz verbessern."

Klassifizierungs-Check:

  • Health System Challenge: Patient:innen nehmen verordnete Medikation nicht zuverlässig ein → Therapieerfolg gefährdet
  • Digital Health Intervention: Client reminders (Medikations-Erinnerung), Medication management (digitaler Medikationsplan)
  • DISAH-Zuordnung:
    • Kategorie A: Patient-facing App mit Reminder-Funktion
    • Kategorie C: Anbindung an Medikamenten-Katalog (Wirkstoff, Darreichungsform)
    • Kategorie D: Interoperabilität zum Verordnungsmanagement im KIS

Ergebnis: Das Projekt ist nicht „eine App", sondern ein Multi-System-Szenario mit klaren Schnittstellenanforderungen.
Die DISAH-Klassifizierung macht das in der Planungsphase sichtbar – nicht erst bei der Inbetriebnahme.


Ausgangslage: Eine Geburtsklinik registriert hohe Drop-out-Raten bei U-Untersuchungen.
Junge Mütter erscheinen nicht zu vereinbarten Nachsorgeterminen.

Klassifizierungs-Logik:
Health System Challenge identifizieren: Kommunikationslücke zwischen Einrichtung und jungen Müttern im Nachsorgeprogramm.
Digital Health Intervention ableiten: Client communication (Termin-Reminder), Health worker communication (Koordination mit Hebammen).

  • DISAH verankern:
    • Kategorie A: Client communication platform (SMS/App-basierte Reminder)
    • Kategorie B: Terminverwaltungssystem mit Erinnerungsfunktion
    • Kategorie C: Anbindung an Patient:innen-Index
  • Architektur-Konsequenz: Das System braucht Schnittstellen zu mindestens drei DISAH-Kategorien.
    Diese Erkenntnis fließt in RFP, Vendor-Auswahl und Implementierungsplan ein – nicht als nachträgliche Ergänzung, sondern als initiale Anforderung.


    Ausgangslage: Ein Klinikverbund schreibt ein System zur klinischen Entscheidungsunterstützung aus.

    Klassifizierungs-Vorteil:

    Leistungsverzeichnis: Anforderungen werden als DHI formuliert („Clinical decision support", „Treatment protocol management")
    DISAH-Zuordnung: Kategorie A (Point of Service) + Kategorie D (Data management für Analytics)
    Interoperabilitäts-Anforderung: Anbindung an elektronische Patientenakten (Kat. A), Terminologie-Server (Kat. C), Clinical Data Repository (Kat. D)

    Vendor-Bewertung: Anbieter müssen nachweisen, wie ihre Lösung die geforderten DHI umsetzt und welche DISAH-Kategorien sie abdecken. Lösungen, die nur Kategorie A bedienen, aber Interoperabilität zu C und D nicht leisten können, fallen im Auswahlprozess durch.

    Ergebnis: Investitionssicherheit durch präzise Anforderungen und objektive Vergleichbarkeit.


    Ausgangslage: Ein Krankenhausträger betreibt 12 Kliniken mit heterogener IT-Landschaft.
    Jede Einrichtung hat historisch eigene Systeme beschafft.

    Klassifizierungs-Einsatz:
    Alle bestehenden Systeme werden den fünf DISAH-Kategorien zugeordnet
    Für jedes System wird dokumentiert, welche DHI es abdeckt und welche Health System Challenge es adressiert

  • Ein Portfolio-Dashboard zeigt:
    • Welche Versorgungslücken (HSC) sind digital adressiert?
    • Wo gibt es Redundanzen (mehrere Systeme, gleiche DHI)?
    • Welche kritischen Digital Health Interventionen fehlen komplett?
  • Steuerungsentscheidungen:
    • Konsolidierung: Drei verschiedene Patient-Communication-Systeme (alle Kategorie A) werden auf eine standardisierte Plattform migriert
    • Investitionspriorisierung: Kategorie C (Register & Verzeichnisse) ist unterentwickelt → gezielter Aufbau eines MPI und Einrichtungsverzeichnisses
    • Interoperabilitäts-Roadmap: Fehlende Schnittstellen zwischen Kategorien A, C und D werden systematisch geschlossen
  • Ergebnis: Transparenz statt Wildwuchs.
    Der Träger kann begründen, warum welche Investition Priorität hat – gegenüber Geschäftsführung, Aufsichtsrat und Kostenträgern.


    Praxis Checkliste

    Phase 1: Problem definieren (bevor Sie über Technologie nachdenken)
    ✅ Health System Challenge präzisieren – der häufigste Fehler ist Unschärfe

    ❌ Falsch: „Wir wollen die Digitalisierung im Entlassmanagement verbessern"

    ✅ Richtig: „30% der Patient:innen mit Herzinsuffizienz werden innerhalb von 30 Tagen rehospitalisiert, weil die Nachsorge nicht greift – Medikationsplan ist unklar, Hausärzt:innen haben keine Entlassungsdaten, Patient:innen verstehen Warnzeichen nicht"

    Werkzeug: Formulieren Sie Health System Challenges (HSC) als messbares Problem mit drei Komponenten:

    • Wer ist betroffen? (Patientengruppe, Prozess, Versorgungsebene)
    • Was ist die Konsequenz? (Rehospitalisierung, Therapieabbruch, vermeidbare Komplikation)
    • Was ist die vermutete Ursache? (Informationslücke, Koordinationsproblem, fehlende Adhärenz)

  • Phase 2: Digitale Intervention definieren (Funktion vor System)
    ✅ Digital Health Intervention eindeutig benennen – verwenden Sie WHO-Terminologie

    Die WHO-Klassifizierung definiert 82 standardisierte Digital Health Interventions. Nutzen Sie diese – nicht Ihre eigenen Begriffe.

    Beispiel Entlassmanagement:

    • ❌ „Digitale Nachsorge-App" (unklar, was die App tun soll)
    • ✅ Kombination aus:
      • Client education (verständliche Aufklärung über Warnzeichen)
      • Client reminders (Medikations-Erinnerungen)
      • Health worker decision support (Algorithmen für Hausärzt:innen zur Risikobewertung)
      • Health record transmission (strukturierte Übermittlung des Entlassberichts)

    Warum das wichtig ist: Digital Health Interventionen sind vendor-neutral und technologie-agnostisch. Sie beschreiben die Funktion, nicht die Lösung. Das macht Ausschreibungen vergleichbar und verhindert vendor lock-in.


    Phase 3: Systemarchitektur klären (DISAH-Zuordnung)
    ✅ DISAH-Kategorien zuordnen – erzwingen Sie Architektur-Klarheit

    Für jede Digital Health Intervention müssen Sie klären: In welchem System wird sie betrieben?

    Kritischer Punkt: Wenn Sie für eine Digital Health Intervention mehrere DISAH-Kategorien benötigen (z.B. A + C + D), dann ist Interoperabilität nicht nice-to-have, sondern projektkritisch. Das muss in Budget, Zeitplan und Risikomanagement abgebildet sein.


    Phase 4: Interoperabilität früh klären (nicht nachträglich anbauen)
    ✅ Interoperabilitäts-Anforderungen aus DISAH ableiten

    Häufiger Fehler: Interoperabilität wird als „technisches Detail" behandelt und spät im Projekt adressiert.

    Richtig: Interoperabilität ist eine Architektur-Anforderung und muss in Phase 3 geklärt werden.

    Checkliste Interoperabilität:

    • Welche Daten müssen zwischen Kategorien ausgetauscht werden?
    • Welche Standards sind in Deutschland/EU relevant? (FHIR, HL7 CDA, DICOM, IHE-Profile)
    • Welche Systeme müssen Real-Time-Schnittstellen haben?
    • Welche Systeme können Batch-Übertragung nutzen?
    • Welche Terminologien müssen gemapped werden? (ICD-10-GM, OPS, SNOMED CT, LOINC)
    • Gibt es Master-Data-Management (MPI, Einrichtungsverzeichnis) in Kategorie C?

    Red Flag: Wenn Ihr Projekt keine Kategorie C (Register & Verzeichnisse) benötigt, ist Ihre Architektur vermutlich fehlerhaft. Jedes ernstzunehmende Digital-Health-Projekt braucht saubere Master Data.


    Phase 5: Portfolio & Governance (keine Insel-Lösungen)
    ✅ Integration in bestehendes Portfolio dokumentieren

    Kein Digitalisierungsprojekt startet auf der grünen Wiese. Klären Sie:

    1. Welche Systeme existieren bereits in denselben DISAH-Kategorien?
    2. Gibt es Überschneidungen bei den Digital Health Interventionen?
    3. Wer ist Systemeigner (Owner) für jede DISAH-Kategorie?

    Governance-Regel: Jedes neue Projekt muss mit den System-Eignern der betroffenen DISAH-Kategorien abgestimmt werden – bevor die Ausschreibung läuft.


    Phase 6: Dokumentation (für Transparenz und Skalierung)
    ✅ Projekt im WHO-Format dokumentieren

    Die WHO-Struktur ist die beste Dokumentationsmethode für Digital-Health-Projekte:

    • Health System Challenges: Welches Problem wird gelöst?
    • Digital Health Intervention (: Welche Funktionen werden implementiert?
    • DISAH: In welchen Systemen sind sie verankert?
    • Interoperabilitätsstandards: Welche Standards werden genutzt?
    • Outcomes: Welche Kennzahlen werden gemessen?

    Zusammenfassung: Die 6 kritischen Fehler vermeiden

    Fehler Konsequenz Richtig machen mit WHO-Klassifizierung
    1. Unklare Problemdefinition Projektziele bleiben schwammig, Erfolg nicht messbar ✅ Health System Challenge präzise formulieren: konkrete Versorgungslücke mit messbaren Konsequenzen
    2. Technologie vor Funktion Vendor-getriebene Lösung, die das eigentliche Problem verfehlt ✅ Digital Health Intervention definieren: Welche digitale Funktion löst das Problem?
    3. Fehlende Architektur-Klarheit Späte Erkenntnis, dass Schnittstellen zu 5 Systemen nötig sind ✅ DISAH-Zuordnung: Multi-System-Szenarien früh erkennen
    4. Interoperabilität als nachträglicher Gedanke Explodierende Kosten, verzögerte Inbetriebnahme ✅ Interoperabilität aus DISAH ableiten: Standards in Planungsphase klären
    5. Ignorieren bestehender Systeme Redundante Investitionen, Datensilos ✅ Portfolio-Check: Integration statt Neubau
    6. Undokumentierte Projekte Wissen geht verloren, Skalierung nicht möglich ✅ WHO-Format nutzen: Transparenz für alle Stakeholder

    Operate like it's proven: Die WHO-Klassifizierung ist kein akademisches Modell – sie ist ein operatives Werkzeug.
    Nutzen Sie es konsequent, und Ihre Digital-Health-Projekte werden funktionieren.


    Originaldokument (EN)

    Classification of digital interventions, services and applications in health: a shared language to describe the uses of digital technology for health.

    2nd Edition, 24 October 2023, published by WHO Team Digital Health and Innovation (DHI).

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